Auli, zweiter Sonntag im Advent, den 10. Dezember 2017


Die neuen Inselnachrichten No. 4


Lange ist es still gewesen, doch wir leben noch und wir haben auch nicht genug Grund darüber zu klagen, wie gut es uns eigentlich geht. Mittlerweile haben wir drei fantastische Kinder, die dabei sind gemeinsam und jeder für sich den Weg ins Leben zu gehen. Gelegentlich gibt es Baustellen und auch mal eine Umleitung, doch wir vertrauen auf Gottes Bewahrung um sie dabei wieder auf einen richtigen Weg zurückzuführen. Dabei scheint er uns als Werkzeug zu benutzen und das macht, dass wir zuweilen doch ziemlich beschäftigt sind. Da bleibt dann leider manchmal etwas wenig Zeit Kontakte zu pflegen und Briefe zu schreiben. Trotzdem schätzen wir die langsam in Vergessenheit geratene Kunst des Briefeschreibens doch sehr und unternehmen hiermit einen neuen Anlauf. Die einen oder anderen haben hoffentlich in der Zwischenzeit auch die eine oder andere Urlaubs- oder Weihnachtskarte erhalten. Micha ist trotz seiner Versuche Buchstaben zu malen nach wie vor nicht in der Lage handschriftliche Texte zu verfassen. Doch Jana wird inzwischen bei Karten von unseren Kindern tatkräftig und von Micha seelisch und moralisch unterstützt. Dieser Brief allerdings ist maschinell geschrieben, so dass wir uns hier beide voll einbringen können.


Wir sind beide nach wie vor voll berufstätig. Jana arbeitet als Krankenschwester in Sørumsand in dem, was sie scherzhaft „Sørum Krankenhaus – Innere medizinische Abteilung II“ nennt. Es ist eigentlich ein kombiniertes Kurzzeit- und Rehabilitierungsheim. In Norwegen ist das Gesundheitssystem seit 2012 umgekrempelt worden: mit dem Ziel Krankenhausaufenthalte zu vermeiden oder wenigstens so kurz wie möglich zu halten. Der Effekt ist, dass im Krankenhaus zwar Untersuchungen und die Diagnostizierung stattfinden, aber sobald ein Patient stabil und „entlassungsklar“ ist, wird er zuhause mit Hauskrankenpflege oder in kommunalen Einrichtungen fertigbehandelt und weiter stabilisiert. Dass Patienten 14 Tage und länger auf einer Krankenhausstation liegen, gibt es hier fast gar nicht mehr. In der Regel bleibt es bei unter einer Woche, meist nur wenige Tage.
Nebenbei ist Jana in 20% ihrer Stelle auch noch als Gewerkschaftlerin der Norwegischen Krankenpflegergewerkschaft in der Kommune Sørum aktiv. Außerdem hat Jana im Juni 2017 ein Teilzeitstudium zur Spezialschwester für Wundbehandlung abgeschlossen und Micha eins in „Supervision“. So kommt es, dass bei uns mal gerade niemand Teilzeitstudent oder Kursteilnehmer ist. Auch schön.
Michaels Arbeitsplatz ist weiterhin die Gehörlosenkirche in Oslo. Dort ist er allerdings nur dann anzutreffen, wenn er nicht gerade im Inn- oder Ausland unterwegs ist um dort auszuhelfen, wo es gerade „brennt“. Das brennen ist allerdings manchmal auch ein Spiel mit dem Feuer, denn wer brennt, der kann auch ausbrennen. Das haben wir beide bereits erlebt und sind uns der Gefahr in der wir leben, bewusst. Sich nur mit halber Kraft zu engagieren ist etwas, dass uns einfach nicht gelingen will. Auch wenn der Erfolg unterschiedlich ist: wir üben uns darin nein zu sagen.
Deswegen mussten wir im letzten Jahr auch nein zu einem Brief sagen, in dem wir eigentlich von unserer ersten Interkontinentalreise und einer spannenden Woche auf Kuba berichten wollten.
Mitten in dieser Woche starb nämlich unsere Großi, Michas Großmutter in Wiederitzsch bei Leipzig. Als Kind hatte Micha dort ein halbes Jahr gewohnt (1987) und war auch dort zur Schule gegangen. Zu Studiumszeiten kehrte er wieder nach Leipzig zurück (1998) und bald gab es einen festen, wöchentlichen „Studententag“ bei ihr in der Küche. Und nach echter Großi-Art gab es immer Mittagessen, Nachrichten aus der Verwandtschaft und ein Kuchenpaket für den Studenten mit auf den Weg. Ihr Spruch dazu: „Vor dem Essen ist kein Tanz!“ Großi war immer ein Fixpunkt in Michas Leben. Ihre böhmische Küche zum Beispiel wird ihn wohl bis ans Ende seines Lebens prägen, auch wenn er noch einiges üben muss um bei seinem Leibgericht gefüllte Kartoffelknödel auch nur in die Nähe von Großis Perfektion zu gelangen. Auch Lebensweisheiten hat sie uns eine Menge mitgegeben: das verschollene Jesus Logion: „Jesus sprach zu seinen Jüngern, wer keinen Löffel hat isst mit den Fingern.“ oder „Ihr habt ja keine Ahnung wie gekochte Klammern schmecken? Drei Tage haben wir sie gekocht und sie waren immer noch nicht weich“ dazu kommen unzählige Geschichten vom kleinen Maulwurf, die zumeist auf der inzwischen bebauten Rywiese spielten, und noch vieles, vieles mehr. Keine seiner Großeltern hat Micha und seine Identität so sehr geprägt wie seine geliebte böhmische Großmutter.
Am 19.12.2016 begleiteten wir Großi auf ihrem letzten irdischen Weg. Nach dem Schreiben der Trauerandacht und der Trauermusik am Grabe war uns damals deshalb einfach nicht nach schreiben zumute und es blieb bei Weihnachtskarten.
Einige werden vielleicht auch Michas Beiträge in den Mitteldeutschen Kirchenzeitungen, „Der Sonntag“ und „Glaube und Heimat“ vermissen. Nachdem der gemeinsame Chef der Zeitungen in Rente ging und die Kommunikation abbrach, stellten wir uns die Frage ob Micha jetzt Energie dort investieren sollte? Auch hier übten wir uns im Neinsagen.
Spannendes passiert in unserem Leben genug. Wir versuchen Kontakte in Norwegen und Europa zu pflegen und reisen gern, am liebsten gemeinsam. Wenigstens genauso gern haben wir allerdings auch Besuch bei uns in Auli. Der kleine Felsen in der Nähe von Oslo ist zwar nicht ganz so exotisch wie die Insel im Meer, aber die einen oder andren haben sich trotzdem bereits zu uns verirrt und wir hoffen noch viele andere herzlich willkommen heißen zu können.
Wir wollen euch nicht mit unseren Reiseberichten langweilen und wählen deshalb nur ein paar Schlaglichter:
Winterferien in der Sonne: Auf Malta fahren zwar nicht mehr die alten Oldtimerbusse, doch das Busnetz funktioniert recht gut und es gibt immer noch viel Neues zu entdecken. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir im 2017 dort bereits zum vierten Mal unsere Winterferien verbrachten. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir mitten im nordischen Winter einfach mal wieder etwas Sonne brauchen und uns dabei abseits der großen Touristenströme halten wollen. Wir haben jedenfalls keine geheimen Firmen oder Konten dort, sondern nur Kontakte zu zwei Kollegen von Micha, dem Gehörlosenpfarrer Martin Micalleff und dem Soziologen und Dominikanerpater Charles Tabone, mit dem er vor Jahren auf Haramsøy gemeinsam ein maltesisch-norwegisches Paar traute. Das Essen dort schmeckt uns auch und das maltesische Englisch als zweite Amtssprache ist angenehm zu hören, während Maltesisch als einzige mit lateinischen Buchstaben geschriebene semitische Sprache einfach spannend ist. Ein Höhepunkt ist auf jeden Fall der Maltesische Karneval im Februar und wenn die norwegischen Schulferien mal wieder mit der fünften Jahreszeit zusammenfallen, werden wir wahrscheinlich wieder Kurs auf die kleine Insel im Mittelmeer setzen.
Sommerurlaub bedeutet für uns inzwischen Campingwagen und Paddelbote. Mit unseren inzwischen drei Booten ist es jetzt schon eine kleine Armada, die ablegt, wenn wir zu einer Tour aufbrechen. Vom Urlaub 2016 in Dänemark blieb uns leider vor allem das Gräbenschaufeln um das Zelt wegen der heftigen Regengüsse in Erinnerung. Doch auch dort waren wir jeden zweiten Tag mit den Booten unterwegs und hielten uns an das norwegische Motto: Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Der Sommer 2017 am Rätzsee war da schon etwas sonniger und die Regenschauer nicht länger als das wir uns den Schlössern des Alten Fritzen und seinen von ihm „Mirowkesen“ genannten königlichen Nachbarn widmen zu können.
Doch es brauchen nicht immer die großen Ziele zu sein, manchmal reicht es auch einfach 2 Stunden durch die Natur zu paddeln, dann ein Fischbrötchen zu essen und 2 Stunden zurück. Natürlich ein Fischbrötchen für jeden- mit Räucherfisch nach Wahl.
Ein paar Impressionen von der oben bereits erwähnten Reise nach Kuba möchten wir euch trotzdem nicht vorenthalten. Die Reise war ein Geschenk zu Michas vierzigstem Geburtstag. Er wollte die Insel noch sehen bevor sie vollständig von Touristen überrannt und kommerzialisiert wird. Wir sind keine Broiler und uns am Strand zu grillen, ist einfach nicht unsere Sache und so gab es während der Reise auch nur drei Stunden an einem allerdings fantastischen Strand. Stattdessen gab es viel Land und Leute und wir wohnten immer privat in so genannten Casa Partikular. Am beeindruckendsten sind die Erinnerung an eine Wanderung durch den Urwald in den Bergen und an einen Kubanischen Salsaklub in den wir uns eines Abends in Cienfuegos verirrten. Es ist schwer die Stimmung zu beschreiben. Es war heiß. Keiner der nicht schwitzte. Es war eng. Viele Afrokubaner waren dort. Die Musik war von einer Gewalt, der nur schwer zu wiederstehen war. Jana ließ sich dabei auch von einer kurzen Session des Mitmachens überzeugen. An Grobmotoriker Micha mit dem verschluckten Brett im Rücken ging dieser Kelch allerdings glücklicherweise vorüber.


Der "Posaunenchor" mit Namen "Bethel brass" beim Weihnachtskonzert 2017: Paul an der Trompete, Marianne mit Klarinette, Karl und sein Baritone unterstützt von von Melissa und Marius und Micha der sich als Dirigent versucht.
Bei uns zu Hause gibt es jetzt neben Mamma, Pappa und Karli auch noch zwei Pupertiere. Marianne und Paul leben diese wichtige Phase des Lebens bisher jeder auf ihre jeweils eigene Art und Weise aus. Wir versuchen den Umbaumaßnahmen in ihren Gehirnen so gelassen wie möglich zu begegnen und fahren damit ganz gut.
Wir Eltern sind bisher noch nicht dort gelandet die Pubertät als gute Gabe Gottes zu begreifen, an deren Ende man glücklich ist, wenn die Kinder endlich aus dem Haus ziehen. Wir bekommen aber schon einen Vorgeschmack, wie es werden wird. Sie sind an den Wochenenden unterwegs, unsere Meinung ist nicht so wichtig und die eigenen Zimmer sind plötzlich in Benutzung. Trotzdem: Es ist schon erschreckend, daß Micha inzwischen die Schuhe erbt, die Paul zu klein geworden sind und Jana ihren Sohn nach oben grüßen muss. Am 26. Mai werden wir seine Konfirmation feiern, er geht zur Zeit in den Konfirmantenunterricht. Kinder wie die Zeit vergeht. Wir haben uns einst versprochen miteinander alt werden zu wollen und manchmal fühlen wir uns schon ein bisschen so. Dann allerdings übermannt uns wieder der Tatendrang und das nächste Projekt steht an. Außerdem: Männer werden ja sowieso nicht älter, die reifen nur. Doch nicht nur an uns ziehen die Jahre vorbei: Aus unserer „Blinzessin“ Marianne ist inzwischen eine junge Dame geworden. Sie geht das letzte Jahr auf die „Grundschule“. Ab nächstem Schuljahr wird sie in die „Kreisstadt“ auf die „Jugendschule“ gehen. Ab dann wird sie auch Schulnoten bekommen. Die Kinder hier bekommen erst ab der 8. Klasse Schulnoten. Es verlangt den Lehren möglicherweise etwas mehr Motivationsarbeit ab, hat aber den Vorteil dass einzelne nicht schon früh zu Verlieren gestempelt werden. Der Fokus soll auf das Lerne gerichtet sein und nicht auf das Notenschreiben. Alle gehen bis zur 10. Klasse zusammen in eine Schule. Die beste Note ist hier die „6“ und uns Eltern bleibt immer noch kurz das Herz stehen, wenn Paul grinsend eine „5“ oder „6“ mit nach Hause bringt. Nach 2 Sekunden dann: Entwarnung!
Nur Karli scheint seine Rolle als Nesthäkchen vorerst noch zu genießen. Er spielt weiterhin Baryton und singt im Kinderchor
Es gibt uns also noch im hohen Norden und wer sich näher davon überzeugen will, sei uns herzlich willkommen.
Jana &Michael Hoffmann

Anhänge:
DateiBeschreibungErstellerDateigröße
Diese Datei herunterladen (17 .pdf)17 .pdf Michael Hoffmann2649 kB